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Historischer Reichtum – institutionelle Schwäche

Migrationsgeschichte in Deutschland

Deutschland ist ein Land mit einer langen und reichen Ein- und Auswanderungsgeschichte. Migrationen waren stets wesentliche Bestimmungsfaktoren wirtschaftlicher, sozialer, kultureller und politischer Entwicklung Deutschlands in Europa und der Welt. Diese Geschichte lässt sich nicht auf die Zeitgeschichte reduzieren oder gar allein auf die aktuellen Debatten über die Integration von Zuwanderern. Migration ereignete sich durch die Jahrhunderte. Sie prägte in der einen oder anderen Form alle Epochen deutscher, europäischer und globaler Geschichte, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß.

Deutschland und Europa sind heute nicht mehr – wenn sie es denn je waren – jene abendländisch-christlichen Gesellschaften mit einen je national homogenen Kulturkanon, in dem "der Andere der Fremde" ist. Heute ist die Vielfalt das charakteristische Zeichen der deutschen und der europäischen Gesellschaften – Migration hat zu neuen Gesellschaften geführt. Gesellschaften, die zukünftig noch bunter und vielfältiger werden. Diese gesellschaftliche Vielfalt findet ihre Entsprechung in der Vielfalt von Geschichte(n) – dem Erbe der Einwanderungsgesellschaft. Das reiche migrationsgeschichtliche Erbe und die gesellschaftliche Vielfalt sind allerdings bislang weder thematisch noch institutionell angemessen dargestellt und fehlen als Teil der neuen Geschichte in Deutschland und Europa.

Deutschland kann sich in diesem Bereich zurzeit nur einer schwachen institutionellen Landschaft rühmen: Eine dauerhaft gesicherte Institution, welche die Aufgabe erfüllt, die Vielfalt der Migrationsgeschichte zu dokumentieren, zu bewahren und öffentlich sichtbar und zugänglich zu machen, existiert derzeit nirgends. Damit die Migrationsgeschichte den ihr gebührenden Platz im kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft erhält und nicht nur bruchstückhaft überliefert wird – oder gar verloren geht –, bedarf es der Schaffung professioneller Institutionen und Strukturen zur Sicherung dieser Geschichte. Daher arbeitet DOMiD darauf hin, zusammen mit anderen privaten und staatlichen Akteuren mittelfristig ein Migrationsmuseum – Zentrum für Geschichte, Kunst und Kultur der Migration mit Archiv, Bibliothek, Dauerausstellung, Arbeits- und Veranstaltungsräumen zu etablieren.

"Ein Migrationsmuseum ist kein ritueller Ort kultureller Erinnerung, vielmehr dekonstruiert es historische Selbstvergewisserungen, die überwiegend national orientiert sind. Es macht gesellschaftliche Veränderungsprozesse sichtbar und weist zugleich über das Bestehende hinaus."
(Aytaç Eryılmaz und Martin Rapp, in: Projekt Migration, Köln 2005, S. 584 f.)